1000 Kilometer zu Fuß über die Alpen

13.06.2015 - Tag 1 - München > Baierbrunn

Ich hatte letzte Nacht nur eine Stunde auf dem Sofa geschlafen. Meinen Rucksack habe ich bis in die Nacht hinein ungefähr viermal umgepackt. Aber er wog immer noch 12 kg - viel zu schwer. Doch konnte ich beim besten Willen nichts mehr aussortieren.

Um 4:45 Uhr brachte meine Mutter mich zum Hauptbahnhof und kam sogar mit zum Bahnsteig. Dort gab sie mir das Geld aus dem Portomonnaie meines 2012 verstorbenen Bruders (€ 15.-) und ihren Kommunions-Rosenkranz. Dabei hatte sie Tränen in den Augen. Ich war von dieser Geste völlig unberührt, fühlte sogar Unbehagen ob dieses Gefühlsausbruchs. Ich fühlte keinerlei Verbindung zu meiner Mutter, konnte in diesem Moment aber nicht ausmachen, woran das lag. Fühlen tat ich nur Distanz oder eine Abgrenzung. Zeit dafür wäre es allemal; ich war 43.

 

Im Zug hatte ich einen Platz für mich allein und Ruhe. So habe ich den fehlenden Schlaf ein wenig nachgeholt. Im Zug wurde mir nochmals bewusst, dass ich tatsächlich für zehn Wochen unterwegs sein würde. Ich hoffte inständig, dass es nicht die gleiche Pleite werden würde wie mein Jahr als Au-Pair in Amerika, dass sich nicht der Schleier der Gefühlslosigkeit über mich legen würde.

 

Um 10:30 Uhr stand ich auf dem Marienplatz. Die Stadt war brechend voll, 875-Jahr-Feier. Also schnell Richtung Isar und Baierbrunn. Es ging auch recht zügig auf den rechten Weg, immer entlang der Isar. Anfangs noch nicht so schön, viele Jogger und Radfahrer, später aber sehr beschaulich.

Der Rucksack drückte schwer auf meine Schultern, was sich auch im Nacken bemerkbar machte, Blöderweise hatte ich einen Sport-BH mit Schnallen an, die sich unangenehm ins Fleisch drückten. Den würde ich nur noch abends anziehen.

 

Auf dem Weg sprachen mich mehrere Herren älteren Semesters auf mein Vorhaben an, der erste vermutete gleich das richtige (Etappen-) Ziel; Venedig. Auffallend an ihnen war, dass sie alle freundliche, offene Gesichter hatten. Für mich eine Wohltat, wohne ich doch in einem Statdteil, in dem viele leere, emotional verwahrloste Gesichter wohnen. Ich war sicher, die Menschen auf meiner Wanderung würden mir gefallen.

 

Insgesamt war es heute ein guter Auftakt bei schönem Wetter. Dass es sich hier schon um einen Vorboten des Super-Sommers 2015 handelte, war mir noch nicht klar.

Nach sechst Stunden Wanderzeit im Hotel Strobl angekommen. Das Hotel war keine Augenweide, aber Zimmer und Bad groß, die Dusche hatte Power (das ist für mich immer so wichtig wie für Sally die Soße auf dem Extrateller).

 

Übernachtung mit Frühstück: € 55.-

 

Anmerkung: Die erste Etappe im Rother Wanderführer führt bis Wolfratshausen und ist 34 km lang. Das war mir für den ersten Tag zuviel.

14.06.2015 - Tag 2 - Baierbrunn > Wolfratshausen

 

 

Nur wo Du zu Fuß warst, warst Du wirklich